04.07.2001- ABFAHRT
von Stuttgart
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Wir dachten gar nicht an einen großen Abschied, aber dann war's
wunderschön: es kamen viele Freunde und Caro`s Family sorgte mit
Luftballons, die jeder mit seinen guten Wünschen in den
knallblauen Sommerhimmel steigen ließ, und Sekt und Knabbereien
auch noch für Programm. Es war so nett mit Family und Freunden,
daß gar keine Abschiedsstimmung aufkam, was uns dann erst
unterwegs so richtig auffiel - wir waren on the way.
Mehr Abfahrtsbilder gibt es hier.
DEUTSCHLAND - altbekannte Wege
Stuttgart - Urach - Großes Lautertal - an der Donau: Ulm -
Ingolstadt - Regensburg - Passau
Auf schon erprobten Pfaden
schrauben wir uns auf die Schwäbische
Alb hoch, dann geht`s durchs große Lautertal Richtung Donau. In
Günzburg bekommen wir zum ersten Mal Besuch von zu Hause: Thomy
Feldmann zeltet mit uns ein Wochenende lang.
Nach einigen Tagen
geht der Donauradweg dann auch tatsächlich an der Donau lang.
Das anfänglich sehr gute Wetter
verschlechtert sich drastisch
und wir nutzen manche Regenstunde, um an der Ausrüstung
rumzuschrauben und zu basteln (diese Reisen kommen aber auch
immer so überraschend, daß man fast nichts vorher vorbereiten
kann ;-)). Wir schauen uns Ulm, Ingolstadt, Regensburg und Passau
an - jedes Städtchen mit eigenem Flair und netten Ecken.
ÖSTERREICH - radlerfreundlich und
gemütlich
an der Donau: Linz - Grein - Melk - Krems - Tulln - Wien -
Hainburg
Der Donauradweg in Österreich ist bestens ausgeschildert und
läuft fast immer auf autoarmen bis -freien Wegen direkt am Fluß
lang. Überall sieht man radlerfreundliche Pensionen und
Restaurants und man hat das Gefühl, hier als Radler etwas
willkommener zu sein als in Deutschland. Wir radeln an dicht
bewaldeten Ufern entlang und durch weite Täler mit Feldern und
Wiesen durch Linz, Grein und Krems nach Wien.
In Wien besuchen
uns spontan Caro`s Eltern. Zusammen mit unserem
"Besuch" erleben wir viele interessante Gesichter Wiens
- die Prachtbauten der Jahrhundertwende, das gemütliche
Heurigen-Dorf Grinzing (nach ein paar Gläsern Heurigem grinzt
hier jeder fröhlich), den Kahlenberg mit herrlichem Blick über
Wien u.v.m. Wir freuen uns über den "Besuch von zu
Hause" - vielleicht kommt ja im Laufe der Wochen und Länder
noch öfters jemand vorbei :-)). In Hainburg, kurz bevor wir
Österreich verlassen, feiern wir unsere ersten 1.000 km mit
Glühwein und Grog (für Sekt isses leider zu kalt).
SLOWAKEI - Kurzbesuch
an der Donau: Bratislava
Was bei unserer Planung auch noch niemand wissen konnte: die
Donau fließt nicht von Österreich direkt nach Ungarn, sondern
macht noch `nen kurzen Abstecher in die Slowakei - also machen
wir dies auch. Kaum sind wir aus Österreich raus, wird das
Wetter schon deutlich besser, der Himmel klart auf und die Sonne
linst heraus. Wir radeln an Bratislava mit seinem mächtigen
Schloß vorbei und - schwupps - sind wir auch schon wieder raus
aus der Slowakei.
UNGARN - Handy und Pferdewagen
Györ - Estergom - Budapest - Rackeve - Apaj - Bugac -
Opusztaszar - Szeged - Mako
Das Erste, was uns in Ungarn auffällt: überall Störche in
ihren Nestern an den Dorfstraßen (weiß eigentlich jemand, wieso
Störche meist an Dorfhauptstraßen wohnen und nicht einfach
draußen im Grünen? - Infos bitte an info@veloway.de). Über
Györ und Estergom geht`s an der Donau lang nach Budapest. Dort
treffen wir auf dem Campingplatz
"Rosengarten" (Prädikat
sehr empfehlenswert) zwei "alte Bekannte" wieder - Kati
und Dietmar - Tourenradler, denen wir seit Österreich in jeder
Sackgaße über`n Weg fahren. Budapest gefällt uns so gut,
daß
wir noch`n Tag verlängern und noch einen ... Irgendwann geht`s
dann doch weiter (wir ham ja noch`n bißl was vor ;-)), weg von
der Donau über Rackeve in die Apaj- und Bugac-Puszta (Sandpuszta
vom Feinsten). Seit Budapest sieht man immer mehr Pferdewagen auf
der Straße, doch auch auf den Dörfern hört man immer wieder
die altbekannten Handy-Klingeltöne. In Opusztaszar schauen wir
uns das sehr schön gemachte Museumsdorf an, das über Leben und
Handwerk der Menschen aus dieser Gegend vor 100 - 200 Jahren
informiert. Über Mako geht`s dann weiter Richtung Grenze. Nach
nicht einmal zwei Wochen in Ungarn fühlen wir uns hier schon
richtig zu Hause - wir haben ein paar Brocken Ungarisch gelernt
(das Lebenswichtige halt: ja, nein, danke, bitte, Wasser, Brot,
Wein, Bier, wo ist bitte der Campingplatz etc.) und die
Mentalität der Menschen - zurückhaltend, aber auch sehr nett
und hilfsbereit - macht das Reisen angenehm.
RUMÄNIEN - fremdes Europa
Periam - Timisoara - Deta - Moravita
In Rumänien wird das Reisen schon etwas anstrengender: die
Straßen sind schlechter (das ist aber auch gut so, denn in den
Dörfern springt der gesamte Bestand an Federvieh sowie Schafe,
Ziegen, Rinder, Pferde etc. über die Straßen und wenn diese
nicht so gut sind, rasen auch die Autos nicht so und die
Viechlein überleben). Die Menschen sind nicht mehr so
zurückhaltend, was uns einerseits in der ersten Nacht eine
herzliche Aufnahme bei einer Pfarrersfamilie in Port Periam
beschert, andererseits aber auch anstrengend ist, da wir in den
Dörfern wie bunte Hunde angeglotzt werden, ohne daß die Leute
von sich aus Kontakt aufnehmen würden. Durch Timisoara fahren
wir weiter Richtung Süden.
Fremd wirkt auf uns auch der
allgegenwaertige Verfall: große Agrarbetriebe, Industrieanlagen,
Plattenbauten (wohl alle aus kommunistischen Tagen) verfallen am
Straßenrand. Wird in Deutschland Verfallenes einfach nur
schneller weggeräumt? Da Caro`s Fahrrad wegen eines zermalmten
Lagers an der Sachs-3-Gang-Nabe seit kurz nach Budapest statt 21
nur noch 7 Gänge hat (Ersatzteile gibt`s erst in Griechenland)
beschließen wir, die Karpaten zu umfahren und fahren so direkt
Richtung Süden auf Jugoslawien zu. Die Lei (rumänische
Währung), die eigentlich nicht ausgeführt werden dürfen,
finden ein Plätzchen im Fahrradlenker.
JUGOSLAWIEN - Krieg und Gastfreundschaft
Vrsac - Straza - Bela Crkva
Dem verzweifelten Blick des Grenzpolizisten beim Durchblättern
unserer Pässe mit einigen Visa entnehmen wir, daß wir für
Jugoslawien wohl auch eines gebraucht hätten. Wir kriegen`s zum
Glück auch an der Grenze. Über Vrsac radeln wir Richtung Straza
und dann weiter nach Bela Crkva (früher
"Weisskirchen"). Der Krieg ist in Jugoslawien immer
wieder Thema: Wir lernen ein junges Paar kennen, das vor zwei
Jahren vor den Nato-Bomben aus Belgrad geflohen ist und jetzt
einen Dorfladen betreibt; eigentlich hatten sie andere Pläne...
Die Menschen, denen wir begegnen sind sehr offen und
gastfreundlich - viele fragen uns "woher?" und
"wohin?" und wünschen uns eine gute Reise und viel
Glück (auch wenn sich hier - wegen fehlenden Sprachführers -
unsere Sprachkenntnisse noch mehr in Grenzen halten als in
anderen Ländern, klappt so eine Konversation mit Händen und
Füßen immer gut). In Straza werden wir zum Plaudern und
Kaffeetrinken in einen Hof eingeladen und dann zum Mittagessen an
die Nachbarn weiter gereicht. Obwohl wir ursprünglich nicht
durch Jugoslawien fahren wollten (sonst hätten wir ja gleich an
der Donau bleiben können), sind wir froh, diesen
"Abstecher" gemacht zu haben - wir haben viele nette
Menschen kennen gelernt.
RUMÄNIEN, die 2. - weniger fremdes Europa
Kaluderevo - Moldova Noua - Orsova - Drobeta Turnu Severin -
Maglavit - Calafat
Bei Kaluderevo überqueren wir die Grenze nach Rumänien und hier
im Süden sind die Menschen gleich viel offener. Als wir nach
eineinhalbstündiger Bergfahrt bei 40 Grad im Schatten (wenn`s
einen gibt) in Pojejena für einen kühlen Drink Halt machen,
erklären uns mindestens 10 nette Herren aus der Dorfkneipe
gleichzeitig, wie wir jetzt am besten weiter fahren. Bei Moldova
Noua erreichen wir wieder die Donau und folgen ihr durch ein
wunderschön gewundenes Tal über Orsova bis Drobeta Turnu
Severin. Hier im Süden Rumäniens erscheint uns das Land lange
nicht mehr so fremd wie bei unserem ersten Besuch. Und nachdem
wir schon die Hoffnung aufgegeben hatten, hier einen der auf
unserer Karte verzeichneten Campingplätze zu finden, entdecken
wir in der Nähe von Calafat - kurz bevor wir das Land verlassen
- einen gemütlichen Platz am Donau-Ufer, wo wir für einen Tag
unser Lager aufschlagen. Wir stellen mal wieder fest, daß unsere
Zeit viel zu knapp ist ;-), denn wir haben nur einen kleinen Teil
von Rumänien gesehen - vielleicht sollten wir irgendwann nochmal
wiederkommen und uns den Rest "in Ruhe" ansehen.
BULGARIEN - Fremdenfreundlichkeit und
Überfall
Vidin - Lom - Montana - Vraca - Lakatnik - Sofia - Rila - Melnik
- Kulata
Bulgarien, das wir mit der Donaufähre von Calafat aus erreichen,
wartet mit neuen Herausforderungen auf uns: Zum Einen ist da die
kyrillische Schrift, die wir mit der Geschwindigkeit eines
Erstklässlers lesen. Außerdem müßen wir jetzt bei den
Gesten
für "ja" und "nein" umlernen - die Bulgaren
nicken zur Seite, um etwas zu bejahen (sieht ähnlich aus wie
unser Kopfschütteln) und ziehen den Kopf hoch, um etwas zu
verneinen. Wir versuchen flexibel zu sein und eiern
unentschlossen mit dem Kopf rum (hoffentlich lernen wir`s noch -
wir können`s auch für Griechenland brauchen). Aber die
Menschen, denen wir begegnen, sind unglaublich fremdenfreundlich.
Wenn wir irgendwo stehen bleiben, kommen gleich Leute, plaudern
mit uns und lassen sich auch nicht davon abschrecken, daß wir
kaum ein Wort verstehen. Bis Lom fahren wir an der Donau lang und
nach 2.300 km Gesamtstrecke verabschieden wir uns von ihr. Jetzt
geht`s in die Berge - der Balkan kennt keine Gnade, auch nicht
bei Caro`s fehlenden Gängen. Zuerst fahren wir auf einer
Hochebene mit Steppencharakter und ab Vraca dann das
wunderschöne Iskar-Tal lang, mit zwischen steil aufragenden
Felsen - mal weiß, mal Gand-Canyon-rot - sich dahinschlängelndem
Fluß. In Lakatnik finden wir neue Freunde - Eli und Tchavdar -
mit denen wir ein schönes, geruhsames Wochenende verbringen und
die uns auch in Sofia freundlich aufnehmen. Sofia fasziniert
durch die unterschiedlichsten religiösen Bauten: eine
Kathedrale, Kirchen im byzantinischen und russischen Stil, eine
Moschee, eine Synagoge u.v.m.
Von Sofia aus geht's weiter Richtung Süden mit zwei Abstechern
in die Berge: Einmal über 30 km bergauf, um in 1.200 m Höhe das
Rilski-Kloster zu besuchen - es lohnt sich - ein wunderschönes
Kloster mitten in den Bergen. Und dann nochmal ca. zwei Stunden
lang bergauf, um das malerische Dörfchen Melnik anzuschauen. Und
hier, kurz vor Melnik erwischt's uns: Überfall. Klassisches
Bild: wir im Schneckentempo die Berge hoch und da am Wegesrand
drei Typen mit Stöcken bewaffnet, die unser Geld wollen. Um's
kurz zu machen: nachher waren die "Räuber" wohl
glücklicher als wir, mit heiler Haut davon gekommen zu sein -
waren (zu unserem Glück) offensichtlich keine Profis.
GRIECHENLAND - Sonne, Meer und gute
Düfte
Serres - Asprovalta - Thessaloniki - Olymp - Larissa - Meteora - Amfissa -
Delphi - Egio - Korinth - Athen
Griechenland begrüßt uns mit einer bisher noch nicht
"erfahrenen" Hitze, dafür aber auch mit vielen guten
Düften: würzig die Tabakfelder, aromatisch die Kiefernwälder
und wilder Thymian, süß die Kleefelder. Wir radeln
schnurstracks zum Meer und machen erstmal drei Tage richtig
faulen Strandurlaub. Hier am Meer treffen wir Peter und Sven,
zwei Münchner Tourenradler, die auf dem Weg nach Ägypten sind.
Frisch gestärkt radeln wir weiter nach Thessaloniki, einer
angenehm lebendigen Stadt mit märchenhaft orientalisch anmutendem Bazar und
Zeugnissen uralter Geschichte an jeder Ecke.
Nach ein paar Tagen Großstadt-Getümmel radeln wir auf der Autobahn
weiter Richtung Olymp. Am Fuße des Goetterberges bei Plaka/Litochoro
geniessen wir ein paar ruhige Strandtage auf dem Campinplatz von Apostolis,
dessen Gastfreundschaft uns schon vor dem Zeltaufbau den ersten Ouzo-Schwipps
beschert.
Unsere nächste Station ist Meteora mit seinen beeindruckenden
Klöstern,
die wie Vogelnester auf die imposanten Felsen geklebt scheinen. Weiter
führt uns unser Weg
über einige Pässe (schwitz, keuch) nach Delphi. Hier, auf eine
Campingplatz mit gigantischem Ausblick, in einer Atmosphäre von erhabener
Ruhe, erreicht uns - durch einen Allgäuer Tourenradler - die Nachricht von
den grauenvollen Attentaten in den USA mit fünftägiger
Verspätung. Die weitere Reise wird von unguten Gefühlen
überschattet.
Von Delphi aus radeln wir zur nächsten Fähre und setzen auf den
Peloponnes über.
Hier finden wir zum ersten Mal seit dem Donauradweg eine für Biker ideale
Strecke
direkt am Meer lang, auf der wir Tourenradler aus ganz Europa treffen. Als
krönenden
Abschluß dieser schönen Etappe bestaunen wir den Isthmus von
Korinth. Dann strampeln wir unserem letzten Ziel auf diesem Kontinent entgegen
- Athen. Hier müßen wir zuerst einiges Organisatorisches für die
Weiterreise regeln, bevor wir in aller Ruhe die Akropolis und
die Plaka, den Hafen Piräus u.v.m. besichtigen dürfen.
Griechenland begeisterte uns durch seine verschiedenartigen Landschaften:
schroffe
Steilküsten, lange Sandstrände und imposantes Bergland. Verwöhnt
durch die ursprüngliche Herzlichkeit der Bulgaren, wirkten viele der
Griechen, denen wir begegneten, etwas cool auf uns - doch wir hatten auch
herzliche Begegnungen. Stark beeindruckt haben uns die vielen
Ausgrabungsstätten, die an zahlreichen Orten den Geist der Antike
spüren lassen.
In den drei Monaten, die wir nun durch Europa geradelt sind, haben wir eine
Menge interessanter Orte gesehen und viele nette Menschen getroffen. An manchem
Ort hätten wir noch viel länger verweilen können - vielleicht ein
anderes Mal, wenn wir nicht im "Weltreisestreß" sind ;-). Auf alle
Fälle sind wir froh, die Strecke von ca. 3.800 km ohne größere
Schwierigkeiten und v.a. gesund geschafft zu haben und freuen uns auf den
nächsten Kontinent.
Bis zum nächsten Mal, liebe Grüßlein und schreibt uns
mal