KARNATAKA - Geisterbahn und Lachmuskelkater
Bangalore - Mysore - Mangalore

Nach einer kurzen Akklimatisierungsphase in Bangalore stürzen wir uns mutig in den (Links-)Verkehr Richtung Mysore. Bald ist die anfängliche Anspannung verflogen und wir merken, daß man auch hier als Radler überleben kann. Die uns prophezeite Verkehrsregel "der Stärkere darf auf der Straße bleiben und muß nicht in den Graben springen" stimmt zwar, doch wir stellen beruhigt fest, daß nicht automatisch der Grössere auch der Stärkere ist. Und zum ersten Mal auf unserer Tour haben wir jetzt nach einem Tag Radeln Muskelbeschwerden - aber nicht, wie ihr vielleicht glaubt, in den Beinen, sondern im Gesicht. Unser Dauer-Lächeln als Antwort auf all die winkenden, grüssenden, lieb lächelnden InderInnen ist schon eine ungewohnte Belastung :-))). Das saftige Grün der tropischen Vegetation und das kunterbunte Treiben auf den Straßen zeigen uns deutlich: wir sind in einer anderen Welt angekommen. Nachdem wir uns drei Monate lang jede Veränderung von Natur und Menschen langsam erradelten, haben wir jetzt Probleme mit der Beam-Geschwindigkeit des Fliegers, der uns hierherbrachte.
In dem netten Städtchen Mysore lassen wir uns verzaubern vom Maharaja-Palast, der wie aus einem Märchen wirkt. Hier besuchen wir auch einen der acht heiligsten Hügel Indiens, den Chamundi Hill. Als wir den Hindu-Tempel Sri Chamundeswari mit seinem Renovierungs-Gerüst erblicken, wundern wir uns schon lange nicht mehr: auf unserer Reise durften wir u.a. das Ulmer Münster, den Wiener Steffl, die Sofioter Aleksandar-Nevski-Kathedrale sowie die Athener Akropolis in eingerüstetem Zustand bewundern.
In Mysore beschliessen wir, unsere Reisegeschwindigkeit dem Leben hier anzupassen. Um genügend Zeit zum Verdauen und Relaxen zu haben, packen wir als erstes unsere Räder auf einen Bus und fahren über Nacht nach Mangalore. Übermüdet, aber glücklich, unbeschadet angekommen zu sein, erreichen wir den Bahnhof von Mangalore. Hier haben wir nun bis zur Abfahrt unseres Zuges nach Kochi zwölf Stunden Zeit, um ein Bahnticket für uns und unsere Drahteselchen zu erwerben. Und diese Zeit brauchen wir auch: zweiseitiges Antragsformular für den Erwerb einer Bahnkarte, Bittstellungsschreiben an den Bahnhofsvorsteher von Mangalore, um trotz Wartelistenplatz No. 56 und 57 ein Ticket zu erhalten, etc. Dank vieler freundlicher, hilfsbereiter InderInnen können wir noch am gleichen Tag Richtung Kochi in Kerala starten.

Nach zehn Tagen in Indien können wir feststellen: Reisen ist in Indien anstrengender als in Europa, aber die vielen netten Begegnungen machen es erlebenswert!

KERALA - Kathakali und Backwaters
Kochi - Alappuzha - Kollam - Thiruvananthapuram

Nach nächtlicher Zugfahrt, die uns gleich einen Einblick in indisches Familienleben gibt, erreichen wir gegen 5 Uhr früh Ernakulam. Selbst um diese Uhrzeit findet sich eine große Menge Schaulustiger, die uns beim Aufsatteln zusieht - auch hier fühlen wir uns nicht allein ;-). Im erfrischenden Regen radeln wir ins Morgengrauen Richtung Fort Kochi.
Dort angekommen, finden wir im Hotel "Elite" (Prädikat: sehr empfehlenswert) eine Oase der Ruhe. In unmittelbarer Umgebung entdecken wir viele Zeugnisse indisch-europäischer Geschichte: die St. Francis-Church von 1503, den holländischen Friedhof mit seinen heute geheimnisvoll überwucherten Grabstätten aus dem 18. Jahrhundert und die Pardesi-Synagoge im Judenviertel aus dem 16. Jahrhundert. Die beeindruckende Kulisse der noch heute verwendeten chinesischen Fischernetze am Strand von Kochi zeugt von den chinesischen Einflüssen. Ein Beispiel Keralas ureigenster Kultur ist das berühmte Tanzdrama Kathakali, bei dem die Akteure eine Ausbildung von sechs bis zehn (!) Jahren durchlaufen. Eine "Schnuppervorstellung", die wir besuchen (richtiges Kathakali kann mehrere Tage und Nächte am Stück dauern), fasziniert uns so sehr, daß wir uns gleich Karten für eine weitere Vorstellung besorgen.
Nach zehntägiger Kultur- und Relaxpause geht's weiter in Richtung Süden. Auf einer ruhigen Nebenstrecke durchradeln wir Keralas Backwater-Landschaft Richtung Alappuzha, geniessen die wundervollen Ausblicke auf Palmen, Strand und Reisfelder und freuen uns über die Herzlichkeit der Menschen. In Alappuzha angekommen, beschlißen wir, die Backwaters auch noch von der Wasserseite aus zu erkunden und besteigen am nächsten Tag samt Rädern die Fähre nach Kollam. Acht Stunden lang dürfen wir - ohne Anstrengung (!) - die herrliche Tropenlandschaft mit ihren Flüssen, Seen und Kanälen an uns vorbeiziehen lassen.
Von Kollam radeln wir über Varkala nach Thiruvananthapuram, der Hauptstadt Keralas. In dieser typisch indischen Großstadt besichtigen wir den Puthe-Maliga-Palast mit seinen eindrucksvollen Holzschnitzarbeiten und den Sri-Padmanabhaswamy-Tempel mit dem für hinduistische Tempel typischen, mit unzahligen bunt bemalten Figuren verzierten Eingangsturm. Sobald wir dieses "Pflichtprogramm" erledigt haben, zieht es uns weiter Richtung Süden nach Tamil Nadu.

Was uns an Kerala besonders gefallen hat, waren das Kathakali-Theater, die Backwaters und die netten Menschen in der Gegend um Kochi. Auch wenn hier - wie überall - einige ihre Geschäfte mit den weissen Touris machen wollten, gab es in und um Kochi viele, die einfach nur aus Interesse mit uns plauderten. So konnten wir einiges über Keralas Menschen und ihre Kultur erfahren.

TAMIL NADU - viel uralte Kultur und viele neue Freunde
Kanyakumari - Madurai - Trichy - Tanjavur - Chidambaram - Pondicherry - Mamallapuram - Chennai (Madras)

Unser erstes Ziel in Tamil Nadu ist Kanyakumari, der südlichste Zipfel des indischen Subkontinents. Hier können wir am Strand entlang vom Arabischen Meer durch den Indischen Ozean zum Golf von Bengalen waten. Kanyakumari zieht massenweise Pilger und Touristen aus ganz Indien an, was den Vorteil hat, daß Bleichgesichter von eifrigen Händlern eher verschont bleiben. Die einzigartige Lage des kleinen Städtchens führte zu einer Ansammlung wichtiger Pilger- und Gedenkstätten: Devi-Kumari-Tempel sowie Vivekananda- und Gandhi-Memorial.
An diesem besonderen Ort dürfen wir auch zum ersten Mal das Allerheiligste eines hinduistischen Tempels betreten. Dieses eindrucksvolle Ereignis wird am besten durch folgenden Auszug einer E-Mail von Caro an ihre Schwester geschildert:
"Normalerweise dürfen Nicht-Hindus zwar in die äußeren Bereiche eines Tempels, aber nicht ins Allerheiligste. Hier wurden wir allerdings gleich am Eingang abgefangen und in einen urigen Raum mit uralten steinernen Säulen und Steindecke gesetzt. Dort warteten wir - wir wußten nur nicht, auf was. Irgendwann wurde uns klar, daß dies der Vorraum zum Allerheiligsten mit der Devi-Kumari-Statue war. An der linken Türe hörte man schon das Volk scharren. Irgendwann wurden wir an die rechte Türe gezerrt und diese wurde geöffnet. Gleichzeitig öffnete man die Schleuse, zu der das Volk reinrannte. Wir wußten nicht, worauf es bei dieser Schubserei und Drängelei ankam, aber ein freundlicher Tempelwächter nahm Gerard am Arm und zog ihn durch die Menge - ich hab halt mal versucht, dranzubleiben. Man mußte sich im Allerheiligsten vorne an dem Tempel-Brahman vorbeischieben lassen, dort Geld loswerden, einen Blick auf die schwer geschmückte, aber auch gesicherte Devi-Kumari-Statue erhaschen, gleichzeitig aus den bereitstehenden Farbpulvernäpfen noch Pulver ergattern und sich auf die Stirn pinseln und dann noch schauen, daß einen die Menge nicht zertritt. Ich hab mich v.a. auf Letzteres konzentriert, aber es war sehr spannend, das mal - sozusagen hautnah - mitzuerleben."
Eine weitere Attraktion Kanyakumaris ist der Sonnenaufgang, zu dem uns das freundliche Hotelpersonal unaufgefordert jeden Morgen pünktlich um 5:30 Uhr aus dem Bett schmeißt. Wir können uns nicht entscheiden, was die größere Attraktion ist (wenn wir die Augen mal aufkriegen um diese Uhrzeit) - die Sonne, die glutrot aus dem Meer aufsteigt oder daß alles, was irgendwie als Aussichtsplattform dienen kann, vollbesetzt ist mit erwartungsfrohen Indern. Auch der Sonnenuntergang wird am Strand in Kanyakumari zelebriert - hieran nehmen wir allerdings richtig freiwillig teil.
Über Thirunelveli und Virundunagar radeln wir weiter nach Madurai. Unterwegs werden wir von einem vollbesetzten Polizei-Jeep von der Straße gedrängt und zum Halten gezwungen. Es ist Frühstückszeit und die vier freundlichen Polizisten wollen mit uns plaudern und laden uns zum Frühstück ein. Es ist ein sehr nettes Treffen und nachdenklich radeln wir weiter: werden bei uns zu Hause andersfarbige Reisende auch so nett behandelt und zum Frühstück eingeladen?
Auf der einsamen Landstraße werden wir etwas später wieder gestoppt, diesmal von vier abenteuerlich aussehenden Gestalten mit Stöcken. Doch zum Glück sind es keine Wegelagerer, sondern nur drei Hirten, die einem LKW-Fahrer beim Anschieben helfen. Sie brauchen Verstärkung und - tatsächlich - mit vereinten Kräften kriegen wir den LKW zum Laufen. Der Fahrer freut sich wie ein Kind und bedankt sich herzlich.
In Madurai angekommen, schleppen wir unsere Drahteselchen ins Hotelzimmer und stellen uns erstmal mit ihnen unter die Dusche - wir haben es alle bitter nötig. Der Grund für unseren Madurai-Besuch ist der berühmte Sri Meenakshi-Tempel. Wir bewundern die bis zu 50 m hohen Gopurams (Eingangstürme) mit ihren farbenfrohen Verzierungen.
Von Madurai führt uns unsere Reise über Mellur nach Trichy. Obwohl uns der Monsun immer wieder einholt, schaffen wir hier unseren Tagesrekord von 135 km - und das mit diesen Schwerlasteseln auf Südindiens Straßen - puhh. In Trichy besuchen wir den Sri Ranganathaswami-Tempel, eine riesige Tempelanlage mit sieben konzentrischen Mauern, 21 Gopurams, 109 Tempeln und zahllosen Schreinen. Innerhalb der drei äusseren Mauern befinden sich die Wohnhäuser der Priester und viele kleine Läden - eine richtige Tempelstadt in der Stadt. Der Rock-Fort-Tempel, auf/in einen Felsen gebaut, der abrupt aus der flachen Landschaft aufragt, ist eine weitere Attraktion Trichy's. Wir erklimmen die 437 in Stein gehauenen Stufen und haben einen traumhaften Ausblick auf die Stadt und die Umgebung von Trichy.
Auf dem weiteren Weg nach Tanjavur erhalten wir von einem freundlichen Herrn den Tip, die "Abkürzung" am Fluß lang zu fahren. Nach 78 km auf übelster Piste und ohne die Möglichkeit, eine Erholungspause einzulegen, kommen wir ziemlich erledigt in Tanjavur an und beschliessen, Radwege-Tips außerhalb Europas in Zukunft kritischer zu hinterfragen.
Auch Tanjavur ist - wie so viele Städte Tamil Nadus - eine Tempelstadt. Der Brihandishwara-Tempel mit seinen massiven Befestigungsmauern hat durch seinen Fort-Charakter eine völlig andere Atmosphäre als die bisher von uns besuchten hinduistischen Tempel.
Und weiter geht's zur nächsten Tempelstadt: Chidambaram mit seinem Nataraja-Tempel. Dort lernen wir Raja kennen, einen sehr interessanten Priester des Tempels. Er erfuhr eine traditionelle Ausbildung durch Meister in Heilkunst, Yoga, Meditation, Astrologie, klassischem indischen Tanz u.v.m., studierte aber auch an der Uni Soziologie, Anthropologie, Englische Literatur u.a. Raja erzählt uns viele spannende Dinge und kocht lecker für uns, dafür helfen wir ihm bei seinen Computer- und Homepage-Problemen und versuchen, seine neueste Entdeckung, die Vedische Sphinx, in Deutschland zu veröffentlichen. Wer hierzu Tips oder Kontakte hat, bitte bei uns melden.
In einer E-Mail hat Raja unser Zusammentreffen sehr schön beschrieben:
"Ihr kamt als Reisende, bliebt als Gäste und gingt als Freunde".
Unser Weg führt uns weiter in die ehemalige französische Kolonie Pondicherry. Hier wirken die Straßen wie in Mitteleuropa. Auch die leckeren französischen Backwaren und die italienischen Restaurants kommen uns sehr vertraut vor. Auf einer gut ausgebauten, nagelneuen, wenig befahrenen Küstenstraße geniessen wir die Fahrt nach Mamallapuram. Dort angekommen, finden wir zahlreiche indische Verwandte des berühmten gallischen Hinkelsteinlieferanten vor. Von Sonnenaufgang bis spät abends hört man überall das Tik Tik Tik der unzähligen Steinmetze. Obwohl wir uns gerne einen 3-Tonnen-Ganesh für den Garten zulegen würden, entscheiden wir uns dann doch für eine handlichere Grösse.
Wir besichtigen den malerischen Sea-Shore-Tempel und viele kleine Felstempelchen, auf denen sich die Affen tummeln. In Mamallapuram lernen wir auch Rev. Ezekiah Ponraj kennen und besuchen sein Waisenhaus Mariamma's Children Home (mehr Infos hierzu auf unserer Extra-Seite).
In einer letzten Tagesetappe erreichen wir das Ziel unserer Südindien-Umradelung - die 6-Mio.-Stadt Chennai (Madras). Da wir hier einiges erledigen müssen (ja, auch Weltreisende haben ihre Pflichten), bleibt uns kaum Zeit für Sightseeing. Aber da wir sowieso bald mal wieder nach Indien - v.a. Mamallapuram und Chidambaram - kommen wollen, verschieben wir das einfach auf's nächste Mal.

Tamil Nadu beeindruckte uns nicht nur durch sein Kontrastprogramm von modernen Großstädten und traditionellem Leben (nicht nur auf dem Lande), sondern auch durch seine jahrtausendealte Kultur mit ihren unzähligen Tempeln und der ältesten noch lebenden Sprache.

Obwohl uns prophezeit wurde, daß Indien für Radler die Hölle ist, sind wir zwei Wochen länger geblieben als ursprünglich geplant und haben in zwei Monaten ca. 1.300 km auf Südindiens Straßen zurückgelegt. Es war manchmal sehr anstrengend, da Indien ein Land ist, das die Sinne stark beansprucht. Negativbeispiele sind die manchmal die Nasen beleidigenden Gerüche und der unvorstellbare Lärm auf den Straßen: der durchschnittliche Auto-, Bus- oder LKW-Fahrer hupt, sobald er einen anderen Verkehrsteilnehmer sieht (d.h. eigentlich permanent) und manche Musikbeschallung am Straßenrand macht dezibelmässig jeder Disco Konkurrenz. Ein Augenschmaus hingegen sind die prachtvollen, teilweise goldbestickten, wallenden Saris - die traditionelle Kleidung der Inderinnen, die diese auch heute noch fast ausschliesslich tragen, selbst zum Mopedfahren. Der indische Sinn für Ästhetik zeigt sich auch im allgegenwärtigen reichen Blumenschmuck, ob im Haar der Frauen, an Rikschas, Bussen oder LKWs. Auch die Geschmacksnerven werden in Indien stark beansprucht, neben kurzen Feuerattacken jedoch nur positiv durch eine Vielfalt an leckeren Geschmäckern.
Und trotz oder gerade wegen dieser starken Beanspruchung der Nerven war dies nicht unser letzter Besuch in Indien.

Bis zum nächsten Mal, liebe Grüßlein und schreibt uns mal.

Gerard und Caroline