VICTORIA - Traumstraße und Gariwerd-Dreaming
Melbourne - Great Ocean Road - Grampians/Gariwerd

Noch vor der Morgendämmerung werden wir in Melbourne aus dem Flieger gespuckt und von freundlichen Zöllnern begrüßt mit den Worten "your bikes are pretty dirty". Irgendwie haben sie Recht damit - seit Indien hat der Regen unsere Räder nicht mehr gewaschen. Das übernehmen nun die netten Herren vom australischen Zoll, da das Einwanderungsgesetz wohl die Einreise von Bakterien einschränkt.
Nachdem wir so einfach ins Land kamen, wartet nun eine große Herausforderung auf uns: im Laufe unserer Reise haben wir gelernt, Wegweiser in Kyrillisch, Griechisch, Malayalam, Tamil und Thai zu lesen, aber das hier macht uns jetzt echt zu schaffen: Überall Ge- und Verbotsschilder. Z. B. auch auf dem Freeway (Radeln verboten), lt. Einheimischen der einzige Weg in die Innenstadt. Wir finden jedoch zum Glück noch 'nen anderen Weg und radeln in die City von Melbourne.
Das für uns etwas ungewohnt saubere und ordentliche Melbourne erkunden wir (sehr schwäbisch) mit der kostenlosen historischen City Circle Tram. Wir bummeln über den Victoria-Markt, erfahren Interessantes über die Aboriginee-Kultur im Melbourne-Museum und schlendern durch das gediegen italienische Carlton, das vertraute Chinatown und das alternative Fitzroy. In den Royal Botanic Gardens bestaunen wir die große Kolonie Flying Foxes (Monster-Fledermäuse) und am Strand von St. Kilda verteidigen wir unser Vesper gegen freche Möwen.
Nach ein paar Tagen Stadtleben machen wir uns auf zur Great Ocean Road, die wir nach anderthalb Tagen Radeln in Torquay erreichen. Die Great Ocean Road beeindruckt durch ihre vielseitige Landschaft - dunkle Eukalyptuswälder, enge Buchten, in die der Wind die Gischt hineinpeitscht, malerische Steilküste und dann wieder grüne ausgedehnte Buchten mit Weideland. Bei den häufigen Fotostops, bei denen wir viele Touristen aus Australien und dem Rest der Welt treffen, zeigen diese großes Interesse an uns und unserer Tour und wir führen viele nette Gespräche. In Anglesea lernen wir erstmals die australische Vogelwelt kennen: quietschbunte Papageien, laut kreischende Kakadus und Magpies, die sich anhören wie ungeübte Panflötenspieler.
Great an dieser Ocean Road sind nicht nur die Ausblicke, sondern auch die Witterungsverhältnisse: als wir in Apollo Bay in der Abenddämmerung unser Zelt aufbauen, ist es lausig kalt und mit allen zur Verfügung stehenden warmen Klamotten kriechen wir in die Schlafsäcke. Mitten in der Nacht wachen wir auf - ein heißer Sturm hat eingesetzt. Wir schälen uns aus den Schlafsäcken und den warmen Klamotten und versuchen, das Zelt zu sichern. Es ist ein Kampf gegen den Sturm, bis wir im Morgengrauen erschöpft einschlafen. Damit wir nicht verschlafen, dreht nach wenigen Stunden der Wind - eiskalter Regen peitscht nun gegen unser Zelt, das nur deswegen noch steht, weil wir drin hocken und uns gegen den Regen stemmen.
Ohne weitere Zwischenfälle erreichen wir Cape Otway und seinen Nationalpark. Die dunklen, hohen Eukalyptuswälder mit den Baumfarnen dazwischen wirken wie aus einer anderen Zeit. Man würde sich nicht wundern, wenn hier ein Dino um die Ecke käme. Wir treffen allerdings keinen, dafür lernen wir hier die Kookaburras kennen, Vögel, die sich anhören wie eine Herde lachender Affen - man muß einfach mitlachen. Nach Princetown erreichen wir das eindrucksvollste Stück der Great Ocean Road - im Port Campbell Nationalpark hat das Meer atemberaubende Kunstwerke aus der Steilküste herausmodelliert. Um das faszinierende Szenario von allen Seiten bewundern zu können, leisten wir uns einen zehnminütigen Helikopterflug von den "12 Aposteln" an der Küste entlang nach Port Campbell (und zurück). Für die gleiche Strecke brauchen wir mit den Rädern nachher ca. eine Stunde.
Auf dem letzten Stück der Great Ocean Road bis Warrnambool bläst uns ein kräftiger Eiswind entgegen, ein Gruß aus der nur ca. 3.000 km entfernten Antarktis. In Warrnambool verabschieden wir uns von der Küste und radeln nach Norden Richtung Grampians. Auf halben Weg machen wir Rast in einem typischen General Store. Diese praktische Einrichtung ist Tante-Emma-Laden, Kneipe, News Agency u.v.m. in einem und in jeder "Stadt" ab zehn Häusern anzutreffen. Kaum sind wir angekommen, alarmiert die Dame hinterm Tresen Eric, der schon bald vorgefahren kommt. Eric ist vor ca. 50 Jahren aus Deutschland ausgewandert und freut sich immer, mit Deutschen zu plaudern. Stolz zeigt er uns sein Tattoo, eine Erinnerung daran, daß er in Sydney 2000 die australische Flagge mittragen durfte. Bei der netten Unterhaltung verrinnt die Zeit wie im Fluge und wir müssen bald weiter, da wir noch bei Helligkeit einen Platz für unser Lager finden wollen.
Kurz bevor wir den Nationalpark Gariwerd erreichen, begrüßen uns schon die ersten Wallabies (kleine Kängaruhs). In Gariwerd übernachten wir auf einer Camp Area mitten im Busch, die als einzigen Luxus einen Wasserhahn bietet. Schon beim Zeltaufbau kommt ein Wallaby auf uns zugehopst und inspiziert neugierig unsere Ausrüstung. Die halbe Nacht halten uns dann das nahe Hopsen von Beuteltieren und die unbekannten Geräusche des Busches wach. Auch beim nächsten Camp in Halls Gap haben wir eine erstaunlich nahe Begegnung mit den Kängaruhs: eine Herde von ca. 20 Beuteltieren in allen Größen frühstückt in der Morgendämmerung vor unserem Zelt. Im Brambuk Aboriginal Cultural Center von Gariwerd zeigt uns das Dreamtime-Theater die Entstehungsgeschichte dieses wunderschönen Tales zwischen zwei eindrucksvollen Bergketten.


NEW SOUTH WALES - anstrengendes Radeln und erleichterndes Bahnfahren
Murray River (Echuca/Vic. - Barmah/Vic. - Albury), Sydney

Nach der wunderschönen Zeit in Gariwerd quälen wir uns nun tagelang bei Hitze, Wind und Trockenheit an faden Stoppelfeldern und vertrockneten Weiden entlang, bis wir bei Echuca endlich den Murray River erreichen. Echuca war Mitte des 19. Jhds. der größte Binnenhafen der südlichen Hemisphaere und heute ist der Hafen ein liebevoll restauriertes Freilichtmuseum und unterhält eine beachtliche Schaufelraddampfer-Flotte. Wir tuckern gemütlich auf einem Paddlesteamer aus den alten Tagen den Murray rauf und runter und besichtigen den historischen Hafen mit seiner interessanten Sammlung alter Dampfmaschinen.
Auch hier ist auf dem Campingplatz wieder einiges an australischer Tierwelt geboten: in der Abenddämmerung ziehen Hunderte kreischender Kakadus ihre Kreise über den Platz, in der Dunkelheit inspiziert ein Opossum Gerard's Fahrrad und mitten in der Nacht stolpert ein weiteres Opossum laut scheppernd über unser Kochgeschirr im Vorzelt.
Weiter geht unsere Reise am Murray entlang und wir steuern den Barmah-Forest State Park an. Hier campen wir auf einem Platz, der nicht einmal den Luxus eines Wasserhahnes bietet, dafür aber einen ganz besonderen Thrill: der Barmah-Forest ist der größte Red Gum-Wald der Welt. Red Gums sind riesige Eukalyptus-Bäume, die mächtige Äste ohne ersichtlichen Grund und ohne Vorwarnung fallen lassen. Doch wir haben mal wieder Glück und uns trifft keiner. Bei einer Wanderung durch den Red Gum-Wald sehen wir im Broken Creek einen fetten Pelikan, langhalsige Wasserschildkröten und erstaunlich große Wasserschlangen. Die Begegnung mit der uns unbekannten Tierwelt fasziniert uns immer wieder und wir freuen uns auch in Barmah über jedes vorbeihopsende Kängaruh und jeden vorbeitrabenden Emu. Im Barmah Information Center, das vom Yorta Yorta Clan betrieben wird, erfahren wir Interessantes über die Wetlands (das Überschwemmungsgebiet des Murray) und über den Kampf der Yorta Yorta um das Recht an ihrem Land.
Der Murray führt uns weiter über Cobram nach Corowa. Hier haben wir einen idyllischen Zeltplatz im Grünen direkt am Fluß. Mitten in der Nacht werden wir geweckt - ein Fuchs will an unsere Vorräte und läßt sich nicht so einfach verscheuchen (wie z.B. ein Opossum). Um unsere Vorräte in Sicherheit zu bringen und den Fuchs zum Verschwinden aufzufordern, kriechen wir aus'm Zelt. Allerdings müssen wir feststellen, daß der Fuchs schon damit gerechnet hat, denn er hat uns Schuhe geklaut und gleichmäßig auf der feuchten Wiese verteilt. Im fahlen Mondlicht suchen wir die Schuhe zusammen, verscheuchen den schlauen Fuchs und bringen die Vorräte in der Camper's Kitchen in Sicherheit.
Ohne weitere Überfälle erreichen wir Albury, wo wir den Zug nach Sydney besteigen. Dort angekommen, erwartet uns eine böse Überraschung: Gerard's Tasche ist weg und damit seine komplette Ausrüstung - von der Wäsche bis zur Regenbekleidung, von der Zahnbürste bis zum Schlafsack, vom Flickzeug bis zur Fahrradpumpe. (Kleinere, zur Not ;-) auch größere Spenden auf das Konto von G. Grau, Kontonummer 335 388 705 bei der Postbank Stuttgart, BLZ 600 100 70 unter dem Stichwort "Kopf hoch" sind willkommen.) Wir verbringen den Rest des netten Abends auf der Polizeiwache und als krönenden Abschluß des Tages finden wir ein ganz besonderes Zimmer: es hat den Luxus eines offenen Kamins. Nur als wir später das Fenster öffnen, müssen wir feststellen, daß wir hinter'm Kühlschrank der rund um die Uhr gut besuchten Gemeinschaftsküche wohnen. Down in Downunder!
Nachdem wir zwei Tage zwischen Polizei, Fundsachenbüro und Bahngesellschaft ohne Erfolg herumgerannt sind, verbringen wir weitere zwei Tage in den Billigläden und den Outdoor-/Campinggeschäften Sydneys, um die günstigsten Angebote zusammenzufinden. Dann endlich können wir uns daran machen, Sydney zu erkunden: wir schlendern durch den wunderschönen angelegten Botanischen Garten und finden hier unsere Freunde, die Flying Foxes, wieder. Wir bummeln von der Oper zur Harbour Bridge und sind begeistert, diese Wahrzeichen live und in Farbe zu sehen. Unsere Erkundungstour führt uns auch zu The Rocks, dem Ort der ersten europäischen Besiedelung der Bucht von Sydney. Obwohl die Begrüßung nicht sehr nett war, konnten wir das multikulturelle Sydney mit seinen vielen Sehenswürdigkeiten wenigstens noch kurz genießen.

Während unserer sechswöchigen Tour durch Downunder gab's wieder Einiges zu Lernen für uns: Die Navigation mit Hilfe der Sonne bedurfte z.B. einer Umgewöhnung. Bisher konnten wir uns darauf verlassen, daß die Sonne im Süden steht - hier allerdings treibt sie sich frecherweise im Norden rum. Der Mond folgt wie üblich ihrem Beispiel, nur steigert er die Verwirrung noch und steht spiegelverkehrt.
Für Verwirrung am Boden sorgten die unzähligen Ge- und Verbotsschilder, wie z.B. "Toilet rules: no cleaning fish" (wo soll ich meinen Fisch dann hinschicken?), "Ask before you start the chain-saw" (gilt das jetzt nur im Wald...?) oder auch "In the shower: no cleaning surfboard" (aber Fahrräder sind doch o.k., oder?).
Trotz dieses Schilderwaldes trafen wir überall in bewohnten Gebieten auf freundliche, hilfsbereite Menschen, die an unserer Reise durch Australien interessiert waren. Erstaunliches Interesse an uns zeigten auch einige Vertreter der australischen Tierwelt. Und das war auch eines vom Tollsten für uns - die Vielfalt an "wilden" Tieren, denen man hier begegnen kann. Ebenso schön fanden wir Vielfalt der Landschaft, die man in unzähligen Nationalparks erleben kann. Nur liegen diese Parks meist weit auseinander, getrennt durch radlerunfreundliches Gelände (trockenes, heißes Land mit nervigen Fliegen und fiesem Wind). Deshalb werden wir beim nächsten Besuch ein geeigneteres Verkehrsmittel wählen. Die Bahn scheint uns auch nicht so empfehlenswert, da uns das Bahnfahren im Gesamten etwas teuer kam. So würde sich am ehesten ein motorisiertes, fliegensicheres, windgeschütztes Gefährt anbieten (vgl. nicht "was'n das", 2. Abs. ;-)).
Die Aussies wissen das natürlich schon länger und bieten deshalb neben den amerikanischen Spezialitäten-Restaurants, bei denen man das Essen genießen kann, ohne das schützende Fahrzeug verlassen zu müssen, weitere sinnvolle Einrichtungen. So findet man z.B. die Drive-Thru (so schreiben die das wirklich) -Reinigung oder auch den Drive-Thru-Bottle-Shop (Alk-Laden). Vielleicht werden wir dann nächstes Mal auch nicht so komisch angeschaut, wenn wir mit dem adäquaten Fahrzeug im Bottle-Shop vorfahren.

Bis zum nächsten Mal, liebe Grüßlein und schreibt uns mal.

Gerard und Caroline