NORDINSEL - SÜDEN - windige Bucht und luftige Höhen
Wellington - Wanganui - Stratford - Taumarunui

Schon beim Anflug auf Wellington wird die Hauptstadt Neuseelands ihrem Beinamen gerecht: "windy Wellington". Der Wind soll in Wellington so stark sein, daß er kräftige Männer platt an die Wände drückt und man ab und zu zierliche Omas, an ihren Regenschirm geklammert, in luftiger Höhe vorbeifliegen sieht. Doch bevor wir unsere eigene Erfahrung mit diesem Wind machen dürfen, zerlegt der neuseeländische Zoll unser gesamtes Gepäck und wir müssen Federn lassen: der gesamte Federschmuck unserer Räder wird konfisziert. Die freundlichen Zöllner helfen uns, den Rest unserer Ausrüstung wieder einzupacken und geben uns den Tip, am Meer lang in die City zu radeln. Die Strecke ist sehr schön, nur müssen wir feststellen, daß Wellington tatsächlich windy ist - an mancher Stelle sind wir schon froh, im Schneckentempo voranzukommen.
Bei der Fahrt zu unserer Bleibe stellen wir fest, daß Wellington für eine Hauptstadt sehr übersichtlich und gemütlich wirkt. Viele interessante Dinge sind zu Fuß zu erreichen, wie z.B. Te Papa, das Nationalmuseum. Im Te Papa lernen wir, daß Neuseeland an der Verschiebungskante zweier tektonischer Platten liegt, es von Vulkanen und thermisch aktiven Gebieten wimmelt und Erdbeben an der Tagesordnung sind. In einem Häuschen erleben wir ein starkes Erdbeben hautnah mit - zum Glück nur simuliert. Neben der Sicht der Pakehas (Weißen) von der Entstehungsgeschichte der Erde, erfahren wir hier, wie's wirklich war:
Am Anfang war Te Kora (Nichts). Nach 9 Perioden von Te Kora kam Te Ata (Morgendämmerung). Ranginui (der Himmelsvater) und Papatuanuku (die Erdenmutter) wurden geboren. Ihre Kinder waren Tawhia Matea (Gott des Sturmes und Windes), Tongarua (Gott der Ozeane), Tane Mahuta (Gott des Waldes), Ta Matauenga (Gott des Krieges und der Menschen) u.v.a. Diese Kinder mußten alle in der Dunkelheit leben, da ihre Eltern so eng zusammenbappten, daß kein Licht durchkam. Da die Kinder jedoch nicht ewig im Dunkeln leben wollten, probierten sie - eines nach dem anderen - die Eltern zu trennen. Allen mißlang dies, bis als letzter Tane Mahuta an die Reihe kam. Tane, der Gott des Waldes, stemmte sich mit seinen großen Ästen und kräftigen Wurzeln zwischen seine Eltern und mit der Stärke der großen Bäume gelang es ihm, Ranginui und Papatuanuku zu trennen. Licht fiel auf die Erde und Tane und all seine Geschwister waren glücklich. Und heute noch sollte jeder bedenken: verlieren wir zu viele große Bäume, werden wir uns in einer Welt der Dunkelheit wiederfinden.
Dies und viele weitere interessante Dinge uber die Maori-Kultur und Aotearoa (das Land der langen weißen Wolke = Neuseeland) lernen wir im Te Papa und obwohl wir viele Stunden im Museum verbringen, wird's uns kein bißchen langweilig. Die verschiedenen Ausstellungen sind alle spannend gemacht, mit viel Humor, multimedial und interaktiv - wir sind begeistert.
Nachdem wir durch's Te Papa auf Erdbeben gefaßt sind, erleben wir in unserem Hostel auch gleich einen Alarm - allerdings keinen Erdbeben-, sondern Feueralarm. Das Heulen der Sirene reißt uns aus dem Schlaf und im Treppenhaus wundern wir uns, wie panisch das Personal ist und wie geordnet die verpennten Gäste das Hostel verlassen. Der Japaner vor uns hat tatsächlich alles gepackt und schleift seiinen Hartschalenkoffer die Treppe runter. Hätten wir auch etwas mehr als nur die Wertsachen mitnehmen sollen? Würden wir diesmal die gesamte Ausrüstung verlieren? Draußen auf der Strasse treffen wir einige leicht bekleidete, schlotterne Mitbewohner ohne Schuhe an und sehen, daß andere noch weniger gerettet haben. Als die drei Löschzüge auf der Straße nicht in Aktion treten, erkennen wir - zum Glück nur ein Fehlalarm.
Also weiter im Programm: Ein Spaziergang führt uns auf den Mt. Victoria, von dem aus wir den Blick auf Wellington, den Hafen und das Meer genießen. Zur höchsten Stelle des Botanischen Gartens können wir ganz bequem mit der historischen Cable Car fahren. Beim Abstieg nurch den wundervoll angelegten Park finden wir den Teich des Friedens. Hier brennt in einer Steinlampe eine Flamme, die aus Japan stammt, wo die Feuer der atomaren Infernos von Hiroshima und Nagasaki vereinigt und seither als Mahnung aufbewahrt wurden. Neuseeland hat diese Flamme von Japan als Anerkennung für die Erklärung zum atomfreien Staat bekommen.
Nach fast einer Woche der Seßhaftigkeit schwingen wir uns auf die Räder und fahren an der Westküste Richtung Norden. Die Fahrt am Highway No. 3 entlang mit vielen Hügeln und noch mehr Wind ist meist anstrengend. Es gibt aber auch einige Highlights, wie z.B. das kleine Städtchen Bulls. Vor jedem Laden und jeder Einrichtung haben die kreativen Bewohnter von Bulls ein Schild aufgestellt, so z.B. vor der Polizeiwache "Const-a-bull", an jedem Mülleimer "response-a-bull" und vor der Kirche "forgive-a-bull". So kann auch ein Städtenamen wie "Bulls" eine Attraktion werden. Das nächste Highlight auf unserer Strecke ist Wanganui eine Stadt mit vielen gut erhaltenen Häuschen aus dem 19. Jahrhundert. Die Hauptstraße ist geschmückt mit Hunderten von Blumenampeln und in der Dunkelheit schaffen die alten, gasbetriebenen Straßenlaternen eine gemütliche Atmosphäre. Eine Besonderheit in Wanganui - die es sonst nur noch einmal auf der Welt geben soll - ist ein Fußgängertunnel, der weit in den Berg hinein zu einem Aufzug führt, der einen in das darüberliegende Wohngebiet bringt. Sehr praktisch - das wär' doch auch was für unser Heimatdorf.
Der Highway No. 3 führt uns weiter über Patea nach Stratford am Fuße des Mt. Taranaki. Dort erfahren wir, wie der Wanganui-Fluß entstanden ist und warum der Mt. Taranaki ausgerechnet hier steht:
Ein großer Streit entbrach zwischen den Bergen Tongariro und Taranaki wegen deren Liebe zum hübschen Mt. Pihanga. Tongariro gewann die erbitterte Schlacht und Taranaki, geschlagen und betrübt über den Verlust seiner Liebe, riß sich vom Boden los und bahnte sich seinen Weg durch das Land in Richtung der untergehenden Sonne. Als die Abenddämmerung nahte, hatte Taranaki das Meer erreicht, wo er sich ausruhte und dann nach Norden wandt, bevor er in der Einsamkeit der Westküste auf der Nordinsel zur Ruhe kam, wo er heute noch steht. Kurz nach dem heftigen Kampf entsprang ein Strom klaren Wassers von Tongariro, der die Wunden, die Taranaki bei seiner Flucht Richtung Meer hinterlassen hatte, füllte und heilte. So entstand der Wanganui-Fluß.
Der Mt. Taranaki scheint bis heute noch etwas verschnupft zu sein, da er sich während unseres Aufenthaltes in Stratford meist unter einer Wolkdendecke versteckt hielt. Doch Stratford hat noch eine weitere Attraktion zu bieten: "New Zealand's only glockenspiel clock". Als wir zur angegebenen Stunde dem Glockenspiel lauschen wollen, wundern wir uns doch etwas, als zwei Figuren eine Szene aus Romeo und Julia rezitieren. War Glockenspiel nicht was anderes?
Die nächsten 150 km - der SH 43 Heritage Trail nach Taumaranui - sehen auf unserer Karte gar nicht gut aus: wir zählen 24 Tunnel und die Straßenführung hat die Form eines Darmes. Ein netter einheimischer Opa auf dem Campingplatz warnt uns, die Strecke sei katastrophal - höllensteil und teilweise unbefestigt mit grobem Schotter. Wir beschließen für dieses Teilstück lieber den Zug zu nehmen, müssen aber feststellen, daß der Personenverkehr vor ca. 15 Jahren eingestellt wurde. Zu unserem Glück - diese zwei Tage sind trotz steiler Berge und bitterkalten Regen seit längerer Zeit unsere schönsten Radeltage. Wir kommen durch wundervolle Täler mit ursprünglichem Regenwald und verbringen die Nacht in luftiger Höhe über dem Tahora-Paß. Elena, eine Russin, betreibt hier ein Café mit einem Zimmer, einem Caravan-Stellplatz und einer kleinen Zeltwiese. Die Ruhe hier oben ist beeindruckend - nur weit unten im Tal hört man das Vieh muhen und mähen.
Als wir am zweiten Tag unserer Heritage-Trail-Fahrt nach Einbruch der Dunkelheit die Lichter von Taumaranui am Horizont erkennen, sehen wir warme Nahrung, eine warme Dusche und den warmen Schlafsack in greifbare Nähe rücken. Die nette Dame auf dem Zeltplatz begrüßt uns mit der Warnung: "bitte zeltet nicht, es gibt heute Nachtfrost: nehmt doch ein Cabin" und uns wird klar, warum wir letzte Nacht auf dem Tahora-Pass so gefroren haben. Es wird wohl so langsam Zeit, in wärmere Gebiete, Richtung Norden, zu fahren.


NORDINSEL - NORDEN - Blubb, Brodel und Zisch
Turangi - Taupo - Rotorua - Waitomo - Auckland

Bei der Flucht in den wärmeren Norden kommen wir tatsächlich schnell ins Schwitzen: von Taumaranui geht's die ersten 30 km nur bergauf. Dafür besteht der Rest des Tages fast nur aus Abfahrt, bis wir in Tokaanu die dampfenden Quellen sehen. Fasziniert von unserer ersten Begegnung mit den thermisch aktiven Gebieten dieser Gegend schleichen wir um blubbernde Matschlöcher, dampfende Seen und zischende Ritzen.
Ab hier bewegen wir uns auf der Thermal Explorer Route und steuern den nächsten Siedepunkt an: Taupo. Hier haben wir zwar keinen Zeltplatz mit natürlicher Bodenheizung (gibt's tatsächlich in der Gegend), dafür bietet uns die Natur einen anderen Luxus: einen angenehm warmen Thermalpool. Erwärmt durch und für die Schönheiten der Natur wandern wir von Taupo den Waikato-Fluss lang bis zu den Huka-Wasserfällen. Der Pfad führt uns durch märchenhafte Farnwälder und schon von Weitem hören wir das Tosen des Wasserfalles. Durch einen erstaunlich exakt in den Felsen geschnittenen natürlichen Kanal tobt das schäumende Wasser auf den Abgrund zu und stürzt in das leuchtend hellblaue Becken.
Wir stürzen uns auf die nächste Attraktion: die Craters of the Moon. Dampfschwaden ziehen durch's Tal und füllen die Luft mit Schwefelgeruch. Die ganze Gegend scheint zu brodeln und zu kochen. Wir wagen uns in den Hexenkessel, bahnen unseren Weg durch die Dampfschwaden und riesige Krater mit kochendem Wasser und Schlamm tun sich vor uns auf. Selbst auf dem befestigten Weg spüren wir die Hitze des Bodens und wer hier vom rechten Weg abkommt, verbrennt sich die Füße.
Auf der kühleren Nebenstrecke erreichen wir in einer Tagesfahrt den heißesten Punkt unserer Thermalfahrt: Rotorua. Diese aus allen Ritzen dampfende Stadt benebelt uns schon beim Reinfahren mit ihrem Schwefelduft. Im Dorf Ohinemutu bewundern wir die Maori-Holzschnitzereien in der am Rotorua-See gelegenen St. Faith's Kirche. Ein farbenfrohes Kirchenfenster stellt Jesus in traditioneller Maori-Kleidung dar, der - beim Blick durch dieses Fenster - über den Rotorua-See zu gehen scheint. Gleich nebenan steht das berühmte Maori-Versammlungshaus Tamatekupua von 1887. Dieses Marae ist ein beeindruckendes Beispiel für die Holzschnitzkunst der Maori. Mit strengem Blick beobachten uns die geschnitzten Wächter aus ihren Pauamuschel-Augen. Die gleichen Perlmuttaugen begrüßen uns im Whakarewarewa, einem Thermalpark, den wir über das Arts und Crafts Instiutute der Te Arawa-Maori betreten. Hier wohnen wir einer Begrüßungszeremonie bei, ohne die kein Einlaß in das Marae möglich ist. Froh, von den Maori-Kriegern als Gäste akzeptiert worden zu sein, dürfen wir die Gesangs- und Tanzkunst der Te Arawa bewundern. Im Park befindet sich außerdem ein Kiwi-Haus, in dem sich für uns die leider einzige Gelegenheit bietet, das sehr seltene, nachtaktive Wappentier Neuseelands zu treffen. Als wir blinzelnd aus dem dunklen Kiwihaus ins Tageslicht treten, begrüßt uns Pohuto, der berühmte Geysir von Whakarewarewa mit seinen zischenden, 20 m hohen Fontänen. Und im ganzen Park blubb, brodel, zisch... - Ihr wißt schon.
Wir verlassen dieses heisse Pflaster mit dem Bus Richtung Auckland. Unterwegs machen wir einen Stop bei den Waitomo-Höhlen, einem faszinierenden System aus Tropfsteinhöhlen, weiten Hallen und engen Gängen. Als wir mit dem Boot lautlos in eine der stockfinsteren Höhlen hineingleiten, entfaltet sich über uns das "High-Light" von Waitomo: Tausende von neongrün leuchtenden Glühwürmchen hängen an der Höhlendecke und geben uns die Illusion eines Sternenhimmels, der sich im dunklen Wasser widerspiegelt. Wir verlassen unser Sternenschiff und schippern mit dem Bus zum nächsten Hafen: Auckland.
In dieser Segelhauptstadt erkunden wir den Hafen und begeben uns im Kelly Tarlton's auf Tauchstation. In dieser faszinierenden Antarktis- und Unterwasserwelt lassen wir in einem ueber 100 m langen Plexiglastunnel Haie, Riesenrochen u.a. Fische über uns hinweggleiten. In Antarctica bekommen wir einen Eindruck davon, wie's noch weiter südlich aussieht - zuerst beim Bummel durch den Nachbau von Scott's Hütten und dann bei der Fahrt mit der "Snowcat" durch eine Kolonie von Kaiserpinguinen im künstlichen ewigen Eis. Zurück im milderen Klima durchstreifen wir weiter die Metropole des Südpazifiks und genießen das multikulturelle Ambiente mit Gesichtern, Gerichten und Geschichten aus aller Welt.
Da sich hier in Neuseeland um Ostern rum der Herbst mit großen, kalten Schritten nähert, wollten wir nicht zu weit südlich radeln und haben diesmal - trotz vieler "warmer" Empfehlungen - die Südinsel ausgelassen. Während unserer vierwöchigen Radeltour über die Nordinsel von Kiwiland fanden wir wider Erwarten keine Kiwis in den Obstregalen oder Plantagen. Auch gefiederte Kiwis bekamen wir in freier Wildbahn nicht zu Gesicht. Dafür trafen wir viele freundliche zweibeinige Kiwis, die uns jede Menge guter Reisetips gaben. Gefallen hat uns in Aotearoa das respektvolle Miteinander der Kulturen von Maori und Pakehas. So tanzt z.B. das Rugby-Nationalteam Neuseelands vor jedem Spiel den Haka - einen traditionellen Kriegstanz der Maori - und in den Museen hat die westliche Version der Enstehungsgeschichte der Erde die gleiche Gewichtung wir die Geschichten der Maori ueber die Entstehung von Natur, Tieren, Pflanzen und Menschen. Obwohl die Südinsel ja noch viel schöner sein soll, waren wir vom Angebot der Nordinsel ziemlich begeistert - bergige Vulkanlandschaften mit üppig grünen Tälern und ewig zischenden, blubbernden Hexenkesseln. Und das Schöne dabei: alles hat einen überschaubare Größe - selbst die multikulturelle Metropole Auckland. Obwohl's manchmal lausig kalt war und wir immer mal wieder ziemlich naß wurden (v.a. im Regenwald - wie der Name schon andeutet), hat uns unsere Radelei durch Neuseeland gut gefallen und wir würden gerne mal wiederkommen und dann vielleicht auch mal die vielgerühmte Südinsel besuchen.

Bis zum nächsten Mal, liebe Grüßlein und schreibt uns mal.

Gerard und Caroline