LOS ANGELES - alles wie im Film

Beim endlos erscheinenden Einflug über L.A. stellen wir fest, dass diese Stadt wohl etwas größer ist als Avarua. Trotz aller Unkenrufe kommen wir hier jedoch ohne jegliche Probleme durch Zoll und Immigration - keiner möchte unser Zelt aufbauen, unsere Räder waschen oder uns die Nahrung wegnehmen. Vielleicht ist hier am Südsee-Terminal die Atmosphäre etwas entspannter als anderswo. Auch die Fahrt mit den Rädern zu unserer ersten Bleibe in L.A. verläuft erstaunlich reibungslos.
Von hier aus starten wir unsere erste Erkundungstour nach Venice Beach und Sta. Monica. Vom ruhigen Südsee-Eiland in die brodelnde Metropole geworfen, stehen wir staunend an der Strandpromenade von Venice Beach und beobachten - wie in einem Film - all die Durchgeknallten auf Selbstdarstellungstrip: den Guru mit Räucherstäbchenstand, die mittelältliche Bauchtänzerin, den Saxofon-spielenden Skateboarder, die dunkel geschminkte Handleserin, den Sandskulpteur, den Außerirdischen, mit dem man sich für 1 $ fotografieren lassen kann und viele viele mehr. Wären unsere Räder voll beladen, könnten wir uns einreihen zwischen all die anderen bunten Vögel und unsere Story verkaufen. Aber ohne unseren gesamten Hausrat auf den Rädern fallen wir hier nicht genügend auf und radeln so am kilometerlangen Sandstrand weiter Richtung Sta. Monica. Wir bummeln durch die Fußgängerzone, lauschen hervorragenden Straßenmusikanten, radeln durch den Palisades Park mit seinen gigantisch hohen Palmen und sitzen zum Sonnenuntergang am St. Monica Pier und betrachten den Pazifik mal von der anderen Seite.
Am nächsten Tag ziehen wir mit Sack und Pack um nach Hollywood. Unsere Fahrt führt uns durch South Central, laut Reiseführer der Stadtteil von L.A., den alle Touristen und die meisten Einheimischen meiden. Doch zumindest bei Tag sind in diesem überwiegend von Farbigen bewohnten, nicht sehr wohlhabend wirkenden Stadtteil einfach nur Menschen unterwegs. Wenn wir sie anlächeln, grüßen sie freundlich, auch wenn manche auf den ersten Blick etwas düster wirken (und das nicht nur wegen ihrer Hautfarbe). Auf dem Weg treffen wir auch einige Streetpeople mit überladenen Einkaufswägen (auch wie im Film) oder Fahrrädern, die uns wegen unserer gut beladenen Räder als Ihresgleichen erkennen und auch freundlich grüßen.
In Hollywood angekommen, schlendern wir über den Walk of Fame mit seinen unzähligen Star-Sternen und begutachten die Hand- und Fußabdrücke von Donald Duck und anderen Berühmtheiten im Hof des Mann's Chinese Theatre. Und wenn man schon mal zufällig in Hollywood ist, sollte man sich einen Blick hinter die Kulissen nicht entgehen lassen. Also besuchen wir die Filmfabrik Universal City. Schon der überfreundliche Herr an der Kartenbude scheint aus einer Comedy-Show ausgebrochen zu sein. Drinnen stolpern wir von einem Film in den anderen, gehen an den tanzenden Blues Brothers und ihrem Bluesmobil vorbei zur Zeitmaschine von Doc Brown, werden klatschnass auf einer Bootsfahrt durch Jurassic Park und wieder getrocknet von den Feuersäulen von Backdraft (einem offensichtlich sehr wichtigen Kinofilm, den wir noch nicht einmal kennen und hierbei offensichtlich auch nix verpasst haben). Bei der Backstage-Tour mit einem harmlos aussehenden Zügle hinter die Kulissen geraten wir in einem mexikanischen Pueblo in eine Flutwelle, erleben ein Erdbeben in einer U-Bahn-Station, fahren über eine einstürzende Holzbrücke und entkommen nur knapp ein paar weiteren Katastrophen. Hollywood hat uns bewiesen, dass es das Handwerk der Illusion perfekt beherrscht.
Und unsere erste Woche in den USA hat uns gezeigt: hier ist wirklich alles wie im Film und wir sind jetzt mittendrin!


KALIFORNIEN'S KÜSTE - raue Schönheit
L.A. - Sta. Barbara - San Louis Obispo - Big Sur - Monterey - Sta. Cruz - San Francisco

Raus aus Hollywood geht's den Sunset-Boulevard lang, durch Beverly Hills, bis Sta. Monica und dort auf den Highway No. 1 Richtung Norden. Wir verlassen die Stadt der Filme und so langsam erinnert nicht mehr jeder Orts- und Straßennahmen an Film und Fernsehen. L.A. und Hollywood waren nicht nur faszinierend, sondern auch faszinierend teuer. Unsere nächste Aufgabe ist es also, die großen Löcher in unserer Reisekasse nicht gleich zu Kratern werden zu lassen und so sind wir froh, als wir lernen, dass Hiker und Biker auf jedem State Park Campingplatz für 1 $ zelten dürfen. Die Sparmaßnahmen werden noch weiter verschärft, indem Nahrung nicht in den luxuriösen 1 $- Shops gekauft wird, sondern in 97-Cent-Läden. Die Taschen gefüllt mit Billig-Spaghetti und lecker Dosenfutter geht's immer der Küste lang über Leo Carillo nach Carpinteria. Hier lernen wir, warum auf den Hike- und Bike-Plätzen immer nur eine Nacht gezeltet werden darf: im Schutz der Dunkelheit schiebt ein älterer Herr seinen gut beladenen Einkaufswagen auf den Platz. Der Herr entpuppt sich als freundlicher, multilingualer Langzeitreisender, der in seinem früheren Leben ein Seal (Mitglied einer Elite-Einheit der US-Armee) war. Am Lagerfeuer werden viele spannende Geschichten und aktuelle Einkaufstipps ausgetauscht.
Am Morgen geht's weiter an einer mit Palmen und blühenden Sträuchern gesäumten Küste bis zum malerischen Ferienort Sta. Barbara. Hier sind die Radwege voll von seltsamen Vehikeln (Liegeräder, Familienausflugsräder u.v.m.) und freundlichen Menschen, die sich für unsere Vehikel interessieren und mit uns plaudern wollen. Abends spazieren wir zum Strand, an der Stearn Wharf lang und bewundern die vielen fetten braunen Pelikane, die hier auf dem Pier leben. 
Weiter Richtung Norden wandelt sich die Landschaft immer mehr zur rauen Steilküste mit einzelnen, langgezogenen Sandbuchten und bis wir abends den Refugio State Park erreichen, bläst auch ein ziemlich rauer Wind. Im Sturm gestaltet sich das Abendprogramm etwas schwierig: Gérard muss sich zum Kochen in die Dusche zurück ziehen und Caro hebt, beim Versuch das Zelt aufzubauen, beinahe Richtung Pazifik ab. Zu unserer Überraschung hat sich noch ein weiterer Radler bei diesem gemütlichen Wetter auf dem Platz eingefunden - Richard, ein Engländer, der nun seit ca. elf Jahren mit dem Fahrrad unterwegs ist. Bei diesem Wetter trifft man wohl eher weniger Sonntags-Radler. Am nächsten Morgen hat der Wind zum Glück etwas nachgelassen und wir frühstücken gemütlich zusammen mit Richard. Ein Seehund robbt aus dem Meer an den Strand und schaut sich die Biker-Runde aus sicherer Entfernung an. Nach dem Frühstück verabschieden wir uns von Seehund und Richard, denn letzterer ist - wie alle Radler, die wir bisher in Amiland trafen - in Richtung Süden unterwegs, nicht wie wir in Richtung Norden. 
Ob die alle das mit dem Wind, der konstant von Norden bläst, schon vorher wussten? Wohl schon: das jährliche Biker-Großereignis führt auch dieses Jahr wieder ca. 6.000 Radler mit dem Wind von San Francisco nach L.A. - papageienbunt und wohlorganisiert. Wir sehen ganze Dörfer von Toilettenhäuschen auf ihrer Route. Und wir profitieren von der Bike-Week in verschiedenen Orten an der Strecke und werden mit Coffee und Goodie-Bags for free (mit Energie-Riegeln, T-Shrits, Fahrradflaschen und -flickzeug) versorgt. Auch teure Länder haben manchmal Vorteile ;-). 
Als wir in San Louis Obispo wieder am Schnorren sind und diesmal nur ein Kaffee rausspringt (weil wohl alle 6.000 Radler vor uns in genau dieser Kneipe waren), lernen wir Joshua kennen. Er ist in unserem Alter und war Programmierer in Silicon-Valley, bis eines Tages - wie er sagt - seine Nerven durchbrannten. Jetzt sitzt er im E-Rollstuhl, meint, dass es das Beste war, was ihm passieren konnte und wirkt glücklich - leicht abgedreht zwar, aber zufrieden. Er traut sich an keine Computer-Tastatur mehr ran, dafür spielt er jetzt Klavier - am liebsten Bach, weshalb ihn die deutsche Sprache so interessiert...
Am nächsten Tag an der malerischen Steilküste zwischen Morro Bay und San Simeon feiern wir die 10.000 km mit Sekt und Seehunden. So langsam kommen wir aus der dichter besiedelten Gegend raus und treffen weniger durchgeknallte und dafür mehr natürliche Geschöpfe. Bei Piedras Blancas bestaunen wir das Bibione der Seeelefanten: dicht gedrängt liegen hier Hunderte dieser gewaltigen Tiere am Strand faul in der Sonne. Auf unserem weiteren Weg Richtung Big Sur begleitet uns immer wieder das charakteristische Grunzen der Seeelefanten aus den tief unten liegenden Sandbuchten. Die Steilküste wird hier immer imposanter und der Highway No. 1 immer steiler. Es geht durch harzig duftende Kiefernwälder hinunter in tiefe grüne Schluchten und gleich wieder steile Serpentinen hinauf in Nebelbänke, von wo aus man das Meer tief drunten an seinem dumpfen Tosen nur noch erahnen kann. Nicht mal der einsetzende Pieselregen kann uns dieses gewaltige Naturschauspiel vermiesen.
Durch das nicht sehr freundliche Wetter und einige überwundene Höhenmeter etwas erschöpft, erreichen wir in der Dunkelheit den Limekiln State Park, der eigentlich schon geschlossen ist. Mit letzter Kraft wuchten wir unsere Räder über die Absperrung und rollen hinunter in die tiefe Schlucht  Zu unserem Unbehagen liegt der Camp Ground an einem bei diesem heftigen Regen rasch anschwellenden Fluss - das laute Tosen lässt nichts Gutes erahnen. Im Stockfinsteren suchen wir uns einen etwas höher gelegenen Platz zwischen den Bäumen und hoffen, dass der Regen aufhört, bevor der Fluss uns hier findet. Am nächsten Morgen blinzelt uns die Sonne durch die aufsteigenden Nebelschwaden entgegen und trocknet unsere Ausrüstung - wenigstens bis zum nächsten Regenguss. Dieser ereilt uns am Nachmittag vor dem Pfeiffer State Park und da sehen wir wohl ziemlich jämmerlich aus: bei einem abgelegenen Gasthof spendiert man uns zum Trost heißen Kakao. Doch obwohl die Gegend um Big Sur relativ feucht und es nachts lausig kalt ist, ist die Strecke eine Fahrradreise wert und die Natur einfach überwältigend.
Richtung Carmel-by-the-Sea wird das Gelände dann wieder etwas flacher und das Wetter etwas trockener. Wir radeln den legendären 17-Miles-Drive lang Richtung Monterey und sehen hier Seehunde, Seeotter und die frechen Verwandten von A- und B-Hörnchen. Vor den Toren San Franciscos ruhen wir uns noch zwei Tage in der Halfmoon-Bay aus, um für den Großstadt-Dschungel fit zu sein. Doch an geruhsamen Schlaf ist hier nicht zu denken: ob nun ein nahrungssuchender Waschbär unsere Fahrradtaschen durchwühlt oder ein Coyote auf seinen nächtlichen Streifzügen unsere Räder inspizieren muss - es findet sich immer ein Pelztier, das einem den Schlaf oder noch mehr raubt.
Nach zwei Wochen mehr oder weniger Wildnis an der kalifornischen Küste, deren Ruhe und Schönheit wir genossen haben, fällt es uns nicht leicht, uns auf eine überfüllte amerikanische Großstadt zu freuen.


SAN FRANCISCO - charmantes Multikulti

San Francisco's Charme verdrängt sofort unsere anfängliche Skepsis - diese Stadt hat was. Schon beim Reinfahren erkennen wir "die Straßen von San Francisco" wieder - deshalb sind wir sofort bereit, unsere Räder vorübergehend gegen die schönen alten Cable-Cars einzutauschen. Die Fahrt mit der Cable Car ist einfach ein Erlebnis: Fahrer und Schaffner sind an den steilen Gefällen körperlich voll gefordert, um die Cable Car mittels auf die Schienen gepresster Holzklötze zu bremsen. Obwohl sie damit eigentlich schon alle Hände voll zu tun haben, werden nebenher noch ganze Melodien gebimmelt und die Touris mit coolen Sprüchen unterhalten. Jeder Cable Car Driver ist ein Original.
So erkunden wir San Francisco und fahren von China Town nach Little Italy (North Beach) und vom Union Square zur Fisherman's Wharf. Diese Touri-Falle ist eigentlich zum Davonlaufen, wären da nicht die vielen Seelöwen am Pier 39, denen wir stundenlang bei ihrem Lieblingsspiel "King of the Dock" zusehen. Ziel dieses Spieles ist es, eine der vielen 3 x 3 Meter großen schwimmenden Plattformen für sich zu erobern. Hat einer der Seelöwen dies geschafft, so verkündet er lauthals seinen Sieg - bis sich von hinten wieder ein anderer anschleicht und ihn von der Plattform schubst.
Eine weitere liebenswerte Attraktion San Francisco's ist die Straßenbahnlinie F. Auf der Market Street fahren ausgediente Straßenbahnen aus aller Welt (Mailand, Hamburg, Moskau, Osaka etc.) vom Schwulenviertel Castro zu Fisherman's Wharf. Die netten Straßenmärkte, wie z.B. in der Union Street, runden das Bild dieser interessanten, charmanten, multikulturellen Stadt ab.
Und was darf nicht fehlen bei eine San Francisco-Besuch? Die Bay Bridge und natürlich die Golden Gate Bridge. Im Abendlicht erstrahlt die Golden Gate Bridge noch roter als sie eh schon ist und wir harren bei lausigen Temperaturen und rauem Wind aus, bis sich die Dunkelheit über die Bucht senkt und die Brücke in Tausenden von Lichtlein erstrahlt.

Obwohl wir die USA in der ursprünglichen Reiseplanung nicht vorgesehen hatten und nur "zufällig" hier vorbeikamen, haben wir in einem Monat viel Interessantes erfahren - grandiose Landschaften, vielfältige Tierwelt und 'ne Menge eigenartiger Typen. Ob da ein Schamane der American Natives im Zorn ein Fluch ausgesprochen hat?...

Bis zum nächsten Mal, liebe Grüßlein und schreibt uns mal.

Gerard und Caroline