ANKUNFT UND SANTIAGO DE CUBA - Buena Vista Social Club, socialismo y música
Schon am Abflug-Gate in Ciudad de México spüren wir kubanisches
Flair: einige unserer Flug-GenossInnen scheinen aus einem kubanischen
Musikfilm entsprungen zu sein. Als wir genau hinsehen, merken wir,
das ist der Buena Vista Social Club - Omara, zwei der netten
Opas und einige Jüngere mit ihren Instrumenten. Das gibt's wohl
nur noch in Kuba, dass weltberühmte Musiker im gleichen Flieger
wie Otto-Normaradler reisen! Das Bild ist perfekt als nach der
Ankunft im José-Martí-Flughafen die Musiker ihre
Instrumente in 50er-Jahre-Ami-Schlitten laden. Als wir etwas später
Richtung Havanna radeln, tuckert der Buena Vista Social Club an uns
vorbei und man ruft uns ein freundliches "good luck" zu.
Zur
besseren Verdauung des erneuten Kulturschocks steuern wir den nahe
gelegenen Parque Lenin an, wo wir uns ein paar Tage akklimatisieren
wollen. Der Parque Lenin in der Nähe von Havanna wurde von der
inzwischen verstorbenen, langjährigen Lebensgefährtin von
Fidel, Celia Sánchez, zur Erholung für Familien aus der
großen Stadt angelegt. Auf dem Weg zum Parque Lenin begegnen
die Kubaner den radelnden Imperialisten zunächst mit großer
Skepsis, doch als sie feststellen, dass diese Spanisch sprechen und
wohl doch keine CIA-Agenten sind, zeigen sie sich sehr freundlich und
hilfsbereit.
Da der Parque für Kubaner angelegt wurde, gibt's hier keine
Touristenhotels und im kubanischen Hotel will man uns zuerst kein
Zimmer geben, weil's für den Touri nicht gut genug sei. Doch da
wir nicht übermäßig verwöhnt sind, ist für
uns auch die kubanische Variante mit Überschwemmung im Flur,
fehlender Bad-Türe und Tauchsieder im Duschkopf voll o.k.
Ja, ein paar Unterschiede gibt's zu den USA: dort waren z.B. alle
Lebensmittel zu haben, das Problem war nur, dass wir uns das Meiste
nicht leisten konnten. Hier in Kuba tritt jetzt der umgekehrte Fall
ein: wir könnten uns das Meiste leisten, es ist aber kaum was zu
haben. Also gibt's erst mal Schokoladen-Eis zum Frühstück
und zu den anderen Mahlzeiten kubanische Pizza (ein handtellergroßer
Hefefladen mit einem Hauch von Tomatensauce, garniert mit ein paar
Käseflocken).
So gestärkt machen wir uns auf in die große Stadt, La Habana,
die wir einige Tage durchstreifen (s. unten), bevor wir uns mit dem
Zug in Richtung Santiago de Cuba in Bewegung setzen. Nach den
üblichen langwierigen Verhandlungen beim Ticketkauf wissen wir
unsere Räder gut verstaut und kaum sitzen wir, fährt der
Zug auch schon los nach Santiago. Während der Fahrt führen
wir nette Gespräche mit unseren Mitreisenden und erfahren u.a.,
dass dieser Zug schon mal 27 Stunden Verspätung hatte (bei 11
Stunden regulärer Fahrtzeit). Doch wir haben mal wieder Glück:
Mit nur 11 Stunden Verspätung, leicht übermüdet und
ausgehungert rollen wir in Santiago ein.
Santiago de Cuba empfängt uns mit engen Gassen, die erfüllt sind von
Leben und v.a. von Musik. Wir finden ein Zuhause im Casa Particular
von Maria Elena und William im Zentrum von Santiago. Casas
Particulares bieten den Kubanern, die ein Haus besitzen, die
Möglichkeit, an Touristen-Dollars zu kommen und den Touristen
die Gelegenheit, Einblick in kubanisches Familienleben zu erhalten.
Von diesem familiären Zuhause aus erkunden wir die Stadt, den
Parque Céspedes und Parque Dolores, das Bacardi-Haus und
natürlich die Casa de la Trova mit traditioneller kubanischer
Live-Musik.
Im Gegensatz zu Havanna mit seinen großen, prächtigen
Kolonialbauten hat Santiago hauptsächlich ein- bis zweistöckige
Gebäude, die nach außen hin eher einfach wirken und deren
Schönheit - mit gemütlichen, begrünten Patios - sich
erst im Inneren erschließt. Auch der öffentliche
Nahverkehr ist hier etwas schlichter: statt Bussen gibt's hier LKWs
oder Pferdekutschen.
Begleitet vom Pferdegetrappel machen wir uns auf zu einem Ausflug an der Küste
entlang Richtung Westen. Ca. 30 km von Santiago entfernt thront das
Castillo de Morro über der Einfahrt in die malerische Bucht von
Santiago de Cuba. Bei dieser Fahrt durchradeln wir auch einige
einfachere Stadtteile von Santiago - nicht wirklich wohlhabend, aber
lange nicht so triste wie am Rande anderer lateinamerikanischer
Großstädte.
QUER DURCH KUBA - Hitze, Herzlichkeit und Hochprozentiges
Unsere erste größere Etappe in Cuba führt uns durch die
Ausläufer der Sierra Maestra, den Bergen, in denen Fidel Castro
1957 das Hauptquartier der Revolución errichtete, nach Bayamo.
Die hügelige Strecke in sengender Hitze belohnt uns mit
wunderschönen Ausblicken auf die Berge - saftiges tropisches
Grün und dazwischen immer wieder die charakteristische
Königspalme mit ihrem bauchigen Stamm. Hier in den Hügeln
finden wir die Basilica de Nuestra Senora del Cobre, die bedeutendste
religiöse Pilgerstätte Kubas. Jetzt verstehen wir auch,
warum an der gesamten Strecke seit Santiago Blumensträuße
und -kränze verkauft wurden.
Etwas geschlaucht durch Berge und Hitze sehen wir abends nicht mehr viel
von Bayamo, dafür bummeln wir am nächsten Morgen durch das
hübsche Städtchen mit gemütlicher Fußgängerzone
und farbenfroh renovierten Häusern um den zentralen Parque
herum. Nach einem leckeren Frühstück im gemütlichen
Patio unserer Casa sind wir gestärkt für die nächste
Etappe bis Las Tunas. Mit dem geringen Verkehrsaufkommen und den
rücksichtsvollen Verkehrsteilnehmern (Touristen ausgenommen) ist
das Radeln trotz der sengenden Hitze angenehm.
In Las Tunas angekommen, können wir nicht mal das Gepäck
richtig verstauen, schon steht der Hausherr in der Zimmertür,
strahlt uns an und hält uns 'ne Buddel Rum hin - genau das, was
man braucht, wenn man ca. 90 km voll beladen durch gnadenlose Hitze
geradelt ist ;-). Wir werden ins Wohnzimmer gezerrt und genießen
mit Familie und Freunden das kubanische Nationalgetränk, bis der
Hausherr auf seinem Stuhl - zwei Ventilatoren auf sich gerichtet -
laut schnarchend die Siesta einläutet.
Erfreut über die gute Verträglichkeit dieses hochprozentigen
Zuckerrohrgetränkes machen wir uns am nächsten Morgen auf
nach Guáimaro. Hier finden wir leider keine Casa Particular,
sonder nur ein Hotel für Kubaner. Nach einiger Überredungskunst
nimmt man uns dann auch auf und wir kriegen das Zimmer mit
herausgerissenen Steckdosen, fehlendem Duschkopf und voller Moskitos.
Dafür sehen die Betten so versifft aus, dass wir kein Problem
damit haben, unser moskitosicheres Zelt darauf aufzubauen. Zum Essen
finden wir Ananas und Ananas - na ja wenn man genügend davon
futtert, wird man auch satt oder so. Auf alle Fälle freuen wir
uns, am nächsten Morgen Richtung Camagüey weiter radeln zu
dürfen.
Für die Pausen unterwegs sind immer wieder mitten im Nichts Schatten
spendende Bushaltestellen für uns aufgebaut - wie aufmerksam.
Bei einer davon treffen wir auf zwei düstere Gestalten mit einem
Ochsengespann - dunkle, von der Sonne gegerbte Haut, die Strohhüte
tief ins Gesicht gezogen - Latino-Schurken wie aus dem Bilderbuch. Es
sind allerdings keine Schurken, sondern sehr freundliche Bauern, die
sogar anbieten, uns und unsere Räder auf dem Ochsenkarren mit zu
nehmen. Beim Anblick der auch von der Hitze gezeichneten Ochsen
bevorzugen wir dann doch die Weiterreise nach Camagüey auf
unseren Drahteseln.
Die Stadt Camagüey wurde von ihren Gründern absichtlich so
verwirrend angelegt, dass Angreifer sich nur mühsam darin
zurecht finden konnten. Das heutige Einbahnstraßensystem
perfektioniert diese Verwirrung, so dass auch wir unsere Ziel, die
Casa Particular, die uns Maria Elena aus Santiago empfohlen hatte,
nur durch direktes spiralförmiges Einkreisen finden können.
Camagüey hat - ähnlich wie Santiago de Cuba - enge Straßen
mit unscheinbaren Häusern, die ihre Schönheit mit kunstvoll
gefertigten Säulen und malerischen begrünten Patios hinter
schweren Holztüren verbergen.
Weiter geht die Reise, vorbei an ausgedehnten Zuckerrohrfeldern,
Rinderweiden, herzhaft duftenden Kiefernwäldern über Ciego
de Avila und Santi Sprirtus. In Jatibonico, dem einzig größeren
Ort auf unserer Tagsetappe nach Trinidad, erhoffen wir uns ein kühles
Getränk. Der Ort wirkt jedoch wie ausgestorben, an jeder Ecke
Militär. Es scheint, als ob hier eine erneute Revolution
stattgefunden hätte. Doch unser Durst ist stärker als die
Bedenken und wir halten bei einem Laden. Sofort fährt ein
höherer Militär vor und fragt, was wir hier wollen -
"Trinken!" - "Das geht nicht - ihr müsst sofort
weiterfahren!" "?". Wir erfahren, dass der nahe
gelegene Damm zu brechen droht und die Stadt seit Tagen evakuiert
ist. Das lässt uns den Durst vorübergehend vergessen und
wir radeln auch ohne Wasser so schnell wir können davon - bevor
wir vom großen Wasser eingeholt werden. Auf unserer "Flucht"
sehen wir neben und auf der Straße einige Verwüstung durch
Hochwasser und sind froh, dass die Brücken noch nicht komplett
weg gespült sind.
Das Touristenstädtchen Trinidad empfängt uns mit jineteros
(Schleppern), die wir Dank des malerischen Kopfsteinpflasters nur
schwer abschütteln können. Dennoch ereichen wir mal wieder
die von uns gewählte Casa, ohne Provision abdrücken zu
müssen. Wir erkunden Trinidad mit seinen netten Gässchen,
der hübschen Plaza Mayor und der Casa de la Trova und genießen
erstaunlich wohlschmeckende kubanische Pizza. Richtung Cienfuegos
erwartet uns auf der Straße eine neue Herausforderung:
Kamikaze-Krabben. Hunderte von bis zu 20 cm großen Krabben, die
dem vermeintlichen Angreifer mutig trotzen und ihre große
Schere angriffslustig entgegen halten, führen zu gefährlichen
Ausweichmanövern unserer schwer beladenen Räder.
Unser Weg zur kubanischen Nordküste über Jagüey Grande und
Mantanzas führt uns durch ausgedehnte Zitrusplantagen, in denen
man völlig die Orientierung verlieren könnte, da
kilometerweit alles gleich aussieht und kreuz und quer von Straßen
durchzogen ist. Dennoch glücklich an der Nordküste
angekommen, machen wir ein paar Tage Rast in Playa Jibacoa, einem
Urlaubsort für Kubaner. D.h. die Versorgung mit
(hochprozentigen) Getränken ist gesichert, nur mit dem Essen
sieht's für "verwöhnte" Westler mal wieder nicht
so gut aus - um Brot zu bekommen, muss man über 30 km radeln.
Doch trotz der etwas limitierten Versorgung und der allabendlichen
superlauten Musikbeschallung erholen wir uns hier bestens und treten
so unsere letzte Etappe in Kuba über Playa del Este und
Casblanca nach Havanna an.
LA HABANA - lebendiger Charme vergangener Tage
Da wir uns ja nach unserer Ankunft in Kuba schon ein paar Tage in La
Habana aufgehalten haben, kennen wir hier schon unser "Zuhause",
die Casa Particular von Basilia. Ein schönes Haus im
Kolonialstil mit Schaukelstühlen auf der gemütlichen
Veranda. Unsere Drahteselchen werden - wie üblich - im
Wohnzimmer untergebracht und wir können in Ruhe die Stadt zu Fuß
erkunden. Bis zum Malecón, der berühmten Küstenstraße
Havannas, ist es nicht weit. Hier treffen sich die Einheimischen
allabendlich zum Sonnenuntergang und auch wir sind immer dabei.
Die Stimmung, die die Fernsehberichte, die wir vor der Reise zu Hause
gesehen hatten, vermittelten - Lethargie und Melancholie, Gebäude
die dem Verfall preisgegeben sind und Menschen in Armut, gelähmt
durch den Kommunismus - können wir hier nirgends spüren.
Vielmehr wird allerorts die wertvolle alte Bausubstanz liebevoll
renoviert und erstrahlt in fröhlichen Farben. Auch die meisten
der schönen 50er-Jahre-Ami-Schlitten wirken wie frisch aus dem
Autosalon. Hier wird also auch Häusle gebaut und Auto
geschraubt, wie überall auf der Welt. Und Plastik-Kruschd
geshopt. Ein tolles Sortiment an Plastik und anderem Kruschd gibt's
in den neuen Dollar-Kaufhäusern, von denen eines den
bezeichnenden Namen "Illusión" trägt. Wenn nur
unsere Konsumtempel auch so ehrliche Namen trügen...
Auf
unseren Streifzügen durch Havannas Straßen stoßen
wir auf die Callojón de Hamell, eine farbenfrohe
Künstlergasse, in der wir Zäune aus alten Fahrradrahmen und
andere Recycling-Kunst bewundern. Weiter führt und unser Bummel
zum Pavillion Granma. Hier sind die Fahrzeuge der Revolution
ausgestellt - allesamt einfachste Fahrzeuge, vom Kugelhagel
durchsiebt - low budget mit großer Wirkung. Im benachbarten
Museo de la Revolución kostet der Eintritt zwei Pesos für
Kommunisten und vier US-Dollar für Imperialisten. Dafür,
dass sie ihre Revolution anpreisen und die einzigen englischen Worte
der Erklärung "yankee" und "imperialist"
sein sollen, ist es uns - auch angesichts der knappen Reisekasse - zu
teuer.
Doch
im Allgemeinen hält sich Fidel mit der Selbstdarstellung
erstaunlich zurück - dafür werden die alten Kameraden in
vielen Monumenten, auf überdimensionalen Plakatwänden und
in Straßennamen geehrt. Fidel hingegen tritt fast nur in
Erscheinung, wenn man eines der beiden Fernsehprogramme einschaltet.
Dafür schwingt er hier fast rund um die Uhr seine Reden.
Diese
angenehmen Bescheidenheit Fidels fällt uns auch auf Kubas
bedeutendstem Friedhof, der Necrópolis Cristobal Colón
auf. Dieser Friedhof ist wie eine Stadt in der Stadt mit Straßen
und Gassen angelegt und hat knapp eine Million Bewohner, die seit
1868 hier eingezogen sind. Die Gräber sind reich verziert, viele
geschmückt mit mannshohen steinernen Engel. Wir finden prächtige
Mausoleen und Tempelchen, eine Pyramide und eine Burg. Dagegen nimmt
sich das Grabmal der Märtyrer der Revolución eher
bescheiden aus - nicht wie man denken könnte ein sozialistischer
Monumentalbau, sondern eine schlichte Grabstelle, die Namen der
verstorbenen in weißen Marmor eingraviert.
La Revolución Cubana - es waren Studenten oder Jungakademiker mit
Revoluzzer-Ideen, wie sie viele Studenten haben. Diese aber hatten
den Mut und die Kraft weiter zu gehen: 1. revoluzzen, 2. Kämpfen
und Freunde sterben sehen, 3. ein Land regieren. Das Dritte mag auch
nicht ganz so hingehauen haben, aber die Begleitumstände waren
und sind nicht immer einfach. Die Anfänge waren bemerkenswert:
die Schulen (die es damals nur in den Städten gab) wurden für
acht Monate geschlossen und alle Lehrer und Schüler aufs Land
geschickt, bis fast jeder lesen und schreiben konnte. Das
Gesundheitssystem wurde für alle zugänglich gemacht und so
z.B. die Kindersterblichkeitsrate auf das Niveau der reichsten Länder
Welt gesenkt.
Doch angesichts der allgegenwärtigen Versorgungsknappheit ist es vor
allem für die jüngeren Kubaner schwierig, diese Vorzüge
des jetzigen Systems zu schätzen. Und auch wir litten manchmal
unter der lückenhaften Versorgung, wenn wir bei der gnadenlosen
Hitze und dem kräftezehrenden Radeln kaum was zu Nagen fanden
oder das Trinkwasser ausging. Aber dafür war 'ne Buddel Rum
eigentlich überall und jederzeit zu haben ;-).
Bis zum nächsten Mal, liebe Grüßlein und schreibt uns mal.